31. Bescheidenheit, Pilger und Diener

 

BETENDER RUF

 

(3 Minuten der Stille)

 

Und… wenn der Ausbruch des Wesens auftaucht –und so geschieht es häufig, sehr häufig-, wenn die Ereignisse nicht nach seinem Behagen, nicht nach seiner Exaktheit sind. Und sofort die Rebellion, das Ärgernis, die Selbstbestrafung oder… irgendein anderer Schuldiger…

Ein Sprichwort sagte, dass „es niemals nach dem Geschmack aller regnet”, und –auch- ein anderes sagt, dass „der Mensch vorschlägt und Gott verfügt”[1].

Und es geschieht, dass das Wesen für sich selbst kalkuliert und –selbstverständlich- kalkuliert es wegen dem, was die anderen denken, ohne manchmal zu bemerken, dass auch die anderen denken, dass das, was die anderen denken Einfluss hat und dass das, was die anderen denken, das ist, was Du denkst. Zusammengefasst: für die anderen denken. Und es geschieht, dass „den anderen” auch etwas Ähnliches geschieht. Wir sind also in eine Gemeinschaft der „privaten“ Interessen versunken –wir werden es so nennen-, in denen es schwierig ist zu teilen, zu harmonieren.

Ja, weil man immer einen Defekt finden wird. Und was Du auch machst… der Irrtum wird dort die Runde machen. Sehr schlechter Ansatz.

So ermahnt uns der Betende Sinn. „Sehr schlecht” im Sinne von außerhalb des betenden Zusammenhangs und außerhalb der transzendenten Gemeinschaft. Denn wenn man von dieser Basis ausgeht, dann bedeutet das, sich als einen absoluten Protagonisten jedweder Realität zu errichten und die permanente Unbequemlichkeit ins Spiel zu bringen, abgesehen davon zu generalisieren und es nicht zu verstehen, den Moment, die Momente ‚als Ausnahme zu sehen‘.

Und ja, es stimmt, dass das Wesen unter diesen Kriterien eine ungewöhnliche Fähigkeit hat –zweifellos aufgrund der Kultur, die es im Laufe der Zeit empfangen hat- jedwede Sache zu zerstören. Es ist phantastisch. Ich glaube nicht, dass ein anderes Lebewesen existiert, das in der Lage wäre alles Mögliche kaputt zu machen. Alles Mögliche kaputt zu machen ist schon etwas anderes. Das ist anders. Es erfüllt nicht dieses Kriterium. Aber alles Mögliche kaputt machen? Unsere Spezies hat eine zerstörerische Fähigkeit, eine Fähigkeit des Abbruchs, die unergründlich ist.

Mit Recht denken einige an den Teufel. Kein Wunder. „Kein Wunder“.

Aber ist das unserer Natur eigen? Entschieden NEIN. Das war eine Anhäufung an Selbstverherrlichung und  Götzendienst, der Parteilichkeit, des Sektorenwesens, des Nutzens, der Vorurteile, der Gewinne, des Rassismus, des Egoismus… angehäuft von Generation zu Generation –„Angehäuft von Generation zu Generation”-, indem die privaten Kriterien und Auffassungen aufgestellt werden –unvereinbar, nicht miteinander lebbar, nicht präsentierbar-, die in unserer Spezies und auf unserem Planeten ein erschütterndes Panorama offensichtlich machen.

Ja! Klar, selbstverständlich gibt es gütige Taten! Außerdem fordert uns der Betende Ruf auf, dass sich das Wesen der kontinuierlichen Arbeit der Konfrontation mit allen übrigen und mit allem, was es umgibt bewusst wird.

Es genügt, das zum Beispiel, dass jemand sagt: „Ach, la Mancha! Was für eine Landschaft!”

Sicherlich würde jemand an der Seite sagen: „Also wenn es dort Meer gäbe… dann… dann wäre das ein Gewinn.“

Und schon hat man die Brüder Machado[2] hingerichtet, die ganze Poesie hingerichtet… Also dann… dann seufzt Du nicht mehr in „la Mancha“, nein.

Und in derselben Art und Weise, wenn man am Strand ist und sagt:

- Sieh mal das Meer wie beeindruckend das ist!

- Weißt Du? Ja, aber ich vermisse ein bisschen die Wüste, weil man da so allein ist, da gibt es weder den Lärm der Badenden noch das Herumtollen der Kinder. Das war unbequem! Aber gut, wegen dem übrigen ist das in Ordnung, ja.

Das heißt, ein kleines letales ‚Giftchen‘ ist notwendig, sanft, um einen Tag am Strand zu ruinieren. Und sie sagen:

- Und wie viele Strandtage hattest Du?

- Einen. Das ist doch gar nichts.

- Ach!

 

Aber zweifellos kann man nicht sagen, dass die Schuld die der Begleitung und die Meinung von dem oder jenem ist. Nein, nein. Also das geschieht in permanenter Aktivität. Und von abgezählten Ausnahmen abgesehen, in denen man ein und dieselbe Situation miteinander teilt, in dem Rest ist es mangelnde Übereinstimmung, Desillusion, Missfallen, Unbehaglichkeit…

 

Der Mensch –als Spezies in seiner Evolution- beschneidet weiterhin Perspektiven, er kürzt weiterhin und beschneidet weiterhin Inspirationen…; er beschneidet die Sprösslinge, verstümmelt die Äste, die unbequem sind, zur Unzeit. Und zur Unzeit… selbstverherrlicht er mit seinen Errungenschaften oder seinen Opfern.

 

Kann man irgendwann einmal die Sterne sehen, ohne sie mit einem anderen Tag der Sterne zu vergleichen?

Weil klar! Du sagst:

- Hui! Was für eine schöne Sternennacht!

Und es wird gesagt:

- Glaub das nicht. In Arizona ist der Himmel viel klarer.

- In Arizona? Ja… was für ein Glück, dass Du in Arizona warst! In Tucson, zum Beispiel, nicht?

- Ja, in Tucson.

- Ah!

- Und wie findest Du diesen Tagesanbruch? Scheint er Dir prächtig, brillant, vibrierend… und gleichzeitig heiter…?

- Viel, sehr viel Licht! Hey, also so viel Licht… blendet mich, es blendet mich. Wenn die Sonne ein bisschen matter wäre… nicht wahr?

 

Aber das stimmt…!

Und so nach und nach, wenn es warm ist, kalt ist… das ist egal!

Ein Volkssprichwort sagt: „Wie schwer es doch ist, sich zufrieden zu geben!”

Und –unter dem Betenden Sinn- bedeutet sich zufrieden zu geben, dass man sich in allem formt, das uns umgibt; die unserer Spezies selbstverständlich eingeschlossen.

„Eine gute Anpassung haben.“ „Eine gute.“ Eine gütige Übereinstimmung. Und das nimmt uns keine Kraft in unseren Meinungen, Kriterien, in unseren Wahlmöglichkeiten… Aber wenn man sich gut zu verhalten weiß, werden wir es verstehen, uns „wohlwollend” anzupassen.

Und dieses „sich wohlwollend anpassen” bedeutet nicht, zu verzichten. Es bedeutet aufzuhören, wie besessen aufzuzwingen, zu befehlen… und aufzuhören, angesichts der Ereignisse zu verzweifeln...

Es zu verstehen, das Unvorhergesehene, das Unerwartete, das Überraschende, das Glück zu sehen…

Und vor allem –in diesem „es zu verstehen zufrieden zu sein”- das zu schätzen, was da ist, das, was ankommt, was uns schmückt.

 

(3 Minuten der Stille)

 

Sich als Wanderer zu wissen… bescheiden und dienend.

Die Krone des herrschenden Prinzen und des Erbes der Sonne dem Sand überlassen, damit die Wüste sie zu Staub zerfallen lässt.

Wenn wir in unserem Dasein, in unserem Wesen, in unserem Tun Pilger und bescheidene Diener sind, dann wird es einfacher sein –einfach einfacher- in Einklang zu treten, zu begreifen, auszugleichen, zu überraschen, zu lernen…

 

(2 Minuten der Stille)

 

Bescheiden, weil die Größe dessen, was uns umgibt, uns zwingt. Es ist einfach.

Pilger, weil SIE uns ganz offensichtlich tragen. Das ist offensichtlich.

Und Diener, weil wir gekommen sind, wir sind zu diesem Ort des Universums gekommen, um aufgrund unserer Talente eine Aufgabe zu erfüllen, eine Situation, eine Notwendigkeit.

In Folge dessen darf ein „bescheidener, dienender Pilger” keine Studienfach, keine Vorbereitung von Jahren des Übens bedeuten… Es reicht einfach „genau“ zu erinnern.

- „Genau“ zu erinnern?

Ja. So wie ich es gesagt habe:

Bescheiden, unausweichlich. Sieh Dich um und… beuge den Kopf.

Pilger? Also sieh mal?! Was machst Du, um die Erde zu bewegen, den Planeten, das Leuchten der Sonne…? Nichts! Auf jeden Fall zerstörst Du es, was überhaupt kein Erfolg ist.

Und weißt Du in was Du dienst? Weißt Du, dass Du dazu dienst, um mit den Händen auszuarbeiten, um zu singen, um in Ordnung zu bringen, um… Es gibt Millionen von Aktionen, in denen jedes Wesen seinen Unterschlupf findet, weil es sein dienliche Pflicht ist, die das Wesen erfreut, die sich für zu einer Wohltat für das Wesen und eine  Wohltat für die übrigen verschwört.

Also „sich genau“ zu erinnern bedeutet, dieses Trio der Worte dort zu haben, „genau“! Weder dich spät erinnern, noch dass man bald vergisst, weil dazwischen… der Tiger der persönlichen Wichtigkeit springt, der Ungerechtigkeit des Resultates oder des Unangebrachten von… und etc., etc., etc.

 

(4 Minuten der Stille)

 

Als Zusatz der Eleganz, der Ethik –oder der Ästhetik, wenn Sie es vorziehen- die GRACIAS[3] sind nie zu viel –ausgenommen, wenn sie zu Schmeicheleien und zur Eigennützigkeit werden, klar!

Es ist auch richtig, dass unter bestimmten Umständen der Dank absolut unzureichend ist, weil wir in andere Ebenen der Wahrnehmung, der Empfindung, der Emotion eintreten… Aber in diesem „alltäglichen” Dasein, in dem wir uns vom Dienen lenken, von der Bescheidenheit und dem Pilgern lenken lassen, ist das Detail der „Gracias“ so… als wenn man akzeptiert und die Mittel, die Ressourcen, etc. bemerkt, die man ganz offensichtlich hat. Nicht wegen der Gracia von einem selbst, sondern weil es eine Reihe von Umständen, Tatsachen, Ereignissen gab…, die es ermöglicht haben, hier, dort oder da geboren zu werden und diese oder jene Ressource zu haben…

 

In diesem Maße der „GRACIAS“, abgesehen davon sich begünstigt (span. ‚agraciado’) zu fühlen, können wir die „Gracias“ anderer betrachten.

Und wenn wir in der Lage sind, sie in Harmonie zu bringen, dann werden wir zweifellos voll von „Gracia” sein.

 

 

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[1] Im Text wurde literal übersetzt. Das Sprichwort im Deutsch lautet: „Der Mensch denkt und Gott lenkt.“

[2]Manuel Machado Ruiz (Sevilla, 29.08.1874-Madrid, 19.01.1947) war ein spanischer Poet und Dramaturg, eingerahmt im Jugendstil, und der Bruder Antonio Machado und der Maler José Machado Ruiz.​

[3] Das Wort „gracias“ wird je nach Zusammenhang unterschiedlich übersetzt. Die Übersetzung hat deshalb das Wort im Text beibehalten. Der Leser kann die jeweilige Bedeutung einsetzen: „Gnade, Dank, Tugend, Grazie, Witz haben.“